Sie bringen Ihr Kind in den Kindergarten und lassen im Foyer Ihren Blick über den Büchertisch schweifen: Eine heile Welt aus bunten Pappbilder- und ersten Lesebüchern. Spannendes für kleine Entdecker und Tierfreunde. Feuerwehr, Weltraum und Rennautos. Hunde, Katzen und Ponys. Und mitten drin: Nackte, bewusst abstoßend gezeichnete Körper. Zwei nackte Frauen, in deren Mitte ein kleines nacktes Mädchen steht, erstrecken sich über den gesamten Buchdeckel von 21 x 26 cm. Das Bilderbuch „Überall Popos“ des Klett Kinderbuchverlags sticht ins Auge der Kinder.
Der Anlass, kleinen Kindern in aufdringlicher und ordinärer Weise nackte Körper in ihrer „Diversität“ vor Augen zu führen, ist im Klappentext schnell erzählt:
„Heute geht Mila mit ihren Eltern ins Schwimmbad, und sie will ganz allein ins große Becken springen. Wie aufregend!
Aber im Schwimmbad gibt es noch mehr Spannendes – zum Beispiel die vielen nackten Körper in der Umkleide, die alle so unterschiedlich sind!
Gut gelaunt und unverkrampft: ein Hoch auf die Körper-Vielfalt“
„Und auch so viele Brüste“
Zugute halten muss man dem Buch, dass Mila echte Eltern hat und nicht etwa zwei Mütter. Unbeabsichtigt satirisch ist die Bebilderung der Fahrt zum Schwimmbad: Transportmittel ist ein szenetypisches Lastenfahrrad – die Mutter strampelt, während Vater und Tochter sich vorne sitzend kutschieren lassen. Nach dieser wenig subtilen Bildbotschaft kommt Autorin Annika Leone nun noch plumper zum pädagogischen Anliegen von „Überall Popos“. Es geht zusammen mit Mila in die überfüllte Damenumkleide.
„Es ist cool, sie alle anzuschauen. So viele verschiedene Popos: große, kleine, runde, eckige, weiße, braune, dellige, niedliche … Und dann kann man auch noch so viele Brüste sehen!“
Dem Leser wird dabei ein Wimmelbild präsentiert voller nackter, teils tätowierter und größtenteils unansehnlich dargestellter Frauenkörper mit übertrieben Hängebrüsten und verschieden geformten Schamlippen mal mit und mal ohne Schambehaarung. Solche Bilder „statt Photoshop und Insta-Filter“ seien das „beste Bodyshaming-Gegenmittel für Kleine“ lautet die Begründung. Als wären die Kleinen schon in Insta-Welten unterwegs.
Normen und Schönheitsideale in unserer durch soziale Medien massiv beeinflussten Gesellschaft, die oft im Gegensatz zur weiten Bandbreite an Körperformen stehen, darf man kritisch beleuchten, gerne auch in einem Kinderbuch. Es ist eine wichtige Fragestellung, wie Kinder ästhetisch gebildet und zugleich wertschätzend jedem Menschen gegenüber erzogen werden können, unabhängig von dessen Erscheinungsbild. Ein Ansatz wäre ja, dass man die Gesichter der Mitmenschen und ihre darin zu lesenden Geschichten in den kindlichen Fokus rückt, aber nicht ihre Brüste und Intimzonen.
Unfreiwillig in eine voyeuristische Perspektive
Doch ein Buch wie „Überall Popos“, das sich selbst das Siegel „Think Popo-Positiv“ verleiht, nutzt dieses fragwürdige pädagogische Motiv lediglich, um kleine Kinder mit expliziter Nacktheit fremder Menschen, der sie so im Alltag nicht ausgesetzt sind, zu behelligen. Die Autorin richtet sich an Kinder ab vier Jahren. In dem Alter ist man sehr neugierig und offen für alles, was einem in lustigen, bunten Bildern präsentiert wird. Leone nutzt die Neugier und Offenheit der Kinder, um sie mit überzogen hässlich dargestellten Körpern und bewussten Anklängen an queere Subkulturen zu konfrontieren.
Deshalb ist „Überall Popos“ nicht nur ein ordinärer Fehlgriff, sondern vor allem ein übergriffiger Indoktrinationsversuch, eingebettet in eine harmlose alternative Aufmachung. Das junge Publikum wird mit den zunächst fröhlich und lustig wirkenden Zeichnungen an die Hand genommen und dann aber zunehmend von Seite zu Seite unfreiwillig in eine voyeuristische Perspektive gebracht. Das ist schamverletzend und das soll es wohl auch sein.
Falls Sie dieses oder ähnliche „Kinder“-Bücher auch in Ihrer Kita entdecken, teilen Sie uns das bitte mit. Sehr gerne unterstützen wir Sie bei Ihrer Argumentation, warum solche Bücher nicht in eine Kita gehören.
